I n h a l t s v e r z e i c h n i s
Festansprache zur Sonderausstellung
„Meisterwerke der Konditorenkunst“
Kleingebäcke „Plätzchen“
Klugheits- und Verhaltensregeln von 1870
Mispel
Orgeade, Orgead
Osterfreuden vom Konditor
Petits fours
Rote Karamel - Osterhasen
Schwarzwälder Kirschtorte
Vertrag zwischen Martin Weinkamer und Philipp
Groß
Wer die Holzmodel geschnitzt hat...
>> Download als PDF-Datei
>> zurück zur Homepage
Archiv Backformen Bäckerei Bildgebäcke Bonbons Breslau
Caféhausgeschichte Conditor Conditorei Conditoreigeschichte
Eisbomben Eisfiguren Eisformen Fachbücher Fondant Franken
Früchtekonservierung Gefrorenes Gipsmodel Handwerksgerätschaften
Handwerksgeschichte Holzmodel Kaffee Kitzingen Knickebein Konditor
Konditorei Konditoreigeschichte Konditoren Krumeich Lebkuchen
Lebküchner Lebzelter Marzipan Main Marzipanmodel Model Museen Museum
Poganietz Rezeptbücher Schlesien Schokolade Schokoladeformen
Schwefelformen Springerle Tafelaufsätze Unterfranken Volkskunde
Votivgaben Wachsbilder Wachsbildnerei Wachsmodel Waffeleisen
Zeitschriftenarchiv Zinnformen Zucker Conditoreimuseum
Konditoreimuseum Zuckerbäckermuseum zuckerbäcker-museum Zuckerbäcker
Zuckerbäckerei Walter Poganietz Conditorei-Museum Kitzingen |
|
|
|
Festansprache von
Walter Poganietz anlässlich der Eröffnung
der Sonderausstellung „Meisterwerke der Konditorenkunst – Eine
Zeitreise durch 200 Jahre Konditorgeschichte“ am Dienstag, 30.
September 2003 in der Kundenhalle der Hypovereinsbank München Fünf
Höfe
Sehr verehrte Damen und Herrn,
Der Versuch, die Geschichte der Konditorkunst im Rahmen eines
Vortrags oder einer Ausstellung darzustellen, das hieße das Meer
ausschöpfen zu wollen. Denn groß und vielschichtig ist die Thematik.
Marzipan und Schokolade, Zucker, Torten und all die anderen
Leckereien aus der Konditorei haben jede ihre eigene spannende und
große Geschichte. Es kann also heute nur darum gehen, Ihnen aus der
reichhaltigen Handwerksgeschichte ein paar feine „Petit fours“,
allesamt „Meisterwerke der Konditorkunst“, vorzustellen und Ihr
Interesse für dieses faszinierende Handwerk zu wecken.
Unsere kleine Zeitreise, zu der ich Sie einlade, beginnt am 12. Juni
1747. An diesem Tage wurde in München und Dresden gleichzeitig die
Hochzeit des Bayerischen Kurfürsten Max III Josef mit der 23 –
jährigen kursächsischen Prinzessin Maria Anna Sophie gefeiert. [1]
Am kurbayerischen Hof in München fand aus diesem Anlass ein großes
Bankett statt, von dem ein Augenzeuge u. A. berichtet: „An beyden
Enden der Tafel waren von Zucker zwey herrliche Lustgebäude
aufgeführet … und an der andern Seite zeigte sich ein felsigter
Berg, zwischen welchem eine Pyramide in die Höhe stieg, an welcher,
als eine Erinnerung der Jahre von der Durchlauchtigsten Braut, 23
Sinnbilder mit Palmzweigen angehefftet waren…“. In Dresden gab der
Bayer. Abgesandte Baron von Wetzel im sog. Türkischen Palais zur
gleichen Zeit ein prächtiges „Tractament“ und einen Ball, worüber
der Zeitzeuge berichtet: „Der Garten war herrlich illuminiert und
die Tafel im oberen Saale aufgebaut… Das Confect auf der Haupt-Tafel
stellte einen Theil des Schlosses und Gartens zu Nymphenburg in
Bayern dar.“ [2] Ein paar Jahrzehnte später, 1789 – es war das Jahr,
als man in München begann den Englischen Garten anzulegen - , wird
von einer festlichen Abendtafel im Kaisersaal der Münchner Burg
berichtet: „Die Einbildung meiner Leser lasse vor sich nur die
Seltenheit des Aufsatzes erscheinen, welcher alle die Tafeln, so in
ein länglichtes Viereck zusammen fliessen, wie eine herrliche Krone
bedeckte. Es waren Palmen nach der Ordnung der Säulen gesetzt, über
deren viere wölbten sich zierliche Bögen: zwischen mehr kleineren
ward immer ein höherer empor getragen, in dessen Mitte von erhabner
Arbeit Theodors Bildniß erschien (Anm.: gemeint war Kurfürst Karl
Theodor). Das ganze Werk war aus kandirten Zucker gebildet,
lilienweiß, wie parischer Marmor….“ [3] Mit diesen Szenen, meine
Damen und Herrn, befinden wir uns mitten in der Welt und der Kunst
der Konditoren des 17. und 18. Jahrhunderts. Diese übten ihr
Handwerk fast ausschließlich in fürstlichen und herrschaftlichen
Küchen aus, denn der Süßstoff, den sie formten und verarbeiteten -
der Zucker - war zu teuer für das Volk. Die von den Konditoren
gestaltete Tafelzier bildete regelmäßig den Höhepunkt der berühmten
Schau- und Festessen des Barock und Rokoko. Dabei waren der
Kreativität des Hofkonditors kaum finanzielle Grenzen gesetzt, ja er
war geradezu gehalten, den verschwenderischen Lebensstil und die
ganze Pracht fürstlicher Hofhaltung in seinen Kunstwerken und
Arrangements zum Ausdruck zu bringen. Die Luxusprodukte der
Konditoren waren Statussymbole der Reichen. Unter diesen günstigen
Umständen entwickelte sich der Konditor zu einem Meister der
Dekoration und der Tafelarchitektur. Auch Goethe preist in „Wilhelm
Meister`s Lehrjahre“ anlässlich eines Hochzeitsmahls die Kunstwerke
der Konditoren. Zitat: „Aller Hausrath, Tafelzeug, Service und
Tischaufsätze stimmten zu dem Ganzen, und wenn mir sonst die
Baumeister mit den Conditoren aus einer Schule entsprungen zu seyn
schienen; so war hier Conditor und Tafeldecker bei dem Architekten
in die Schule gegangen“.
Die architektonischen Leistungen der Konditoren beruhten nicht
unwesentlich auf der Verwendung von Bauteilen, die mit Hilfe von
hölzernen Model abgeformt wurden. Die gebräuchlichste Modelliermasse
für die zierlichen Säulen, Balustraden oder Gartenanlagen en
miniature war Tragant. Hierbei handelt es sich um eine essbare
stabile Modelliermasse, die aus der gummiartigen Ausscheidung des
kleinasiatischen Astragalusbaumes hergestellt wird.
Auf ähnliche Weise entstanden die weit verbreiteten Bildgebäcke. Die
fein gestochenen Bilder der hölzernen Model sind noch ein Abglanz
jener Zeit, als anscheinend nur der Lebensstil fürstlicher
Hofhaltungen nachahmenswert erschien. Die prächtigen Reiterportraits
und die vornehmen Damen mit ihren hohen Frisuren und dem Fächer in
der Hand, zählen zu den kunstvollsten Model des 18. Jahrhunderts.
Bei ihrem Anblick fällt es oft schwer, sie nur als Arbeitsmittel zu
begreifen, mit deren Hilfe der Konditor komplexe Bildinhalte auf
rationelle Weise beliebig häufig reproduzieren konnte. Solche Model
wurden nicht selten vom Konditor selbst gestochen. Aber meist waren
es professionelle Modelstecher, die nach Vorlage zeitgenössischer
Kupferstiche arbeiteten. Die Bilderwelt der Backmodel ist heute ein
weites und ergiebiges Feld der Volkskunde.
Für die Bildgebäcke benutzte der Konditor hauptsächlich Marzipan als
Modelliermasse, ein Konfekt aus Mandeln, Zucker und Rosenwasser.
Dieses „Haremskonfekt aus Tausend und einer Nacht“, wie es Thomas
Mann nannte, war bereits um 800 n. Chr. am Hofe der Kalifen eine
kostbare und begehrte Süßigkeit. Die Kreuzfahrer und die Seefahrt
und Handel treibenden Venezianer brachten sie im 14. Jahrhundert
zuerst nach Mitteleuropa. Die wertvollen Marzipanbilder, „Marzipane“
genannt, wurden vom Konditor mit selbst hergestellten Pflanzenfarben
kunstvoll bemalt und nicht selten auch mit Blattgold verziert. Zur
Abformung der Modelfiguren verwendete man aber auch weniger
wertvolle Teige. „Eiermarzipan“ oder auch „Eierzucker“ genannt, war
die preiswertere Alternative zum teueren Mandelmarzipan. Es ist ein
einfaches Gebäck aus Zucker, Mehl, Eiern und Ammonium. Aus diesem
Teig sind die bekannten „Springerle“. Wenn der Teig richtig ist,
springen sie leicht aus dem Model.
Mit dem Aufkommen der Porzellanmanufakturen im 18. Jahrhundert stand
ein alternatives, haltbareres und unvergleichlich edles Material für
die Tafelzier der Reichen zur Verfügung. In München nahm 1754 die
Nymphenburger Porzellanmanufaktur ihre Produktion auf und gleich zu
Beginn erlebte sie einen künstlerischen Höhepunkt, denn für sie
arbeitete der geniale Figurist Franz Anton Bustelli. Zwischen der
Kunst der Konditoren und der Tätigkeit der Porzellankünstler
bestanden mancherlei Gemeinsamkeiten. Hans Sonntag verweist in
seinem Bildband „Meissener Porzellan“ auf diese Zusammenhänge: „Von
der Tragant-Zucker-Kunst der Conditoren gingen vor allem
handwerklich-technische Anregungen aus, die für das europäische
plastische Porzellanschaffen relevant wurden. Zwischen den Gebilden
aus Tragant-Zucker und den Plastiken aus Porzellan besteht eine
Reihe von Gemeinsamkeiten, wie die Ausformung der Einzelteile
mittels Quetschformen, die Vorgänge des Bossierens, das Trocknen an
der Luft, das Backen beziehungsweise Brennen in Öfen, das Glasieren
und schließlich die farbige Bemalung sowie die ständige
Reproduzierbarkeit aller Objekte.“ [4] Solche Zusammenhänge sind
schon im „Frauenzimmerlexikon“ des Amaranthes aus dem Jahre 1773
nachzulesen: „Die leichtesten Vorstellungen bey großen Desserts sind
die Lustgärten mit Spaziergängen, Gebäuden …… zu welchen letzteren
die Porcellaine-Fabriken … die schönsten und zierlichsten Figuren
von allen nur erdenklichen Arten zubereiten, und den Conditoren
dadurch viel Arbeit ersparen, weil diese vormals dergleichen Figuren
und Statuen von Tragant-Teige oder Caramel-Zucker mühsam und mit
viel Kosten verfertigen mussten…“
Die Münchner Hofkonditoren zählten zu den Hofbediensteten und
genossen gewisse Freiheiten gegenüber ihren zünftigen Kollegen
draußen in der Stadt. Denen pfuschten sie allerdings häufig ins
Handwerk, was regelmäßig zu Rechtsstreitigkeiten führte. [5] Für das
„süße Leben“ der Bürger waren im Übrigen bis weit ins 19.
Jahrhundert hinein fast ausschließlich die Honigbäcker, also die
Lebküchner, verantwortlich. Zu deren bekanntesten zählte die
Münchner Familie Ebenböck, die ursprünglich im Rosental ansässig war
und deren Nachfahren Finsterwalder später in der Schwanthalerstrasse
ihr Handwerk betrieben. Die wenigen „Bürger“-Konditoren aber
bedienten mit ihren exklusiven und teueren Zuckergebäcken die Haute
Volée der Stadt. Für München ist der erste „bürgerliche“
Zuckerbäcker 1618 nachgewiesen und einunddreißig Jahre später nach
dem großen Krieg 1649 waren es noch immer nicht mehr. [6] Aus einer
Beschwerdeschrift des Jahres 1793, die im Münchner Stadtarchiv
verwahrt wird, geht hervor, dass es um diese Zeit in München
gerademal neun Zuckerbäckergerechtigkeiten gab. [7]
Am Ende des 18. Jahrhunderts führten die Ideale der Französischen
Revolution –Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit- zu großen sozialen
und gesellschaftlichen Veränderungen in ganz Europa. Auch die
verschwenderische höfisch – zeremonielle Geselligkeit des Barock und
Rokoko fiel zumindest in ihren Auswüchsen der politischen
Entwicklung zum Opfer. Stattdessen entwickelte sich vor allem im
Biedermeier eine feine Esskultur, die von einem zu Ansehen und
Wohlstand gekommenen Bürgertum gerne gepflegt wurde. Am Entstehen
dieser verfeinerten bürgerlichen Gastlichkeit und Wohllebigkeit
hatte der Konditor mit seinen Produkten einen wesentlichen Anteil.
Besonders die Torte wurde damals zum Inbegriff konditorlicher Kunst
und entwickelte sich zum wichtigsten Festgebäck, was sie bis heute
geblieben ist. Dabei war es den Münchner Konditoren bis Ende des 18.
Jahrhunderts noch gar nicht gestattet, Torten herzustellen. Dieses
Privileg besaßen vielmehr die hiesigen Pastetenbäcker, die neben
Pasteten und Torten auch Buttergebäck herstellen durften. Erst als
sich die Zünfte der Münchner Zucker- und Pastetenbäcker im Jahre
1793 zusammenschlossen, durften auch die Zuckerbäcker Torten
herstellen. [8] In kurzer Zeit ist es den Konditoren gelungen, die
einstige süße Pastete zu einem Premiumprodukt ihres Handwerks zu
veredeln.
Mit dem Beginn der Massenproduktion von Zucker aus der heimischen
Zuckerrübe in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte das
Konditorenhandwerk einen ungeahnten Aufschwung und zwar zulasten der
Honigbäcker. Zuckergebäcke wurden nun auch für eine breite
Mittelschicht der Bevölkerung erschwinglich und waren heiß begehrt.
Es war die Geburtsstunde der modernen Konditorei. Im Münchner
Adressbuch von 1842 finden wir bereits 12 Konditoren, unter ihnen
auch Carl Rottenhöfer in der Residenzstrasse. J. Schafft, ehedem
königlicher Hofkonditor und herrschaftlicher Mundschenk in der
Residenz, ist nun am Odeonsplatz 2 tätig, dort wo sich um diese Zeit
das mondäne Caféhaus des Luigi Tambosi (später Annast) befunden hat.
[9] In diesem Umfeld von Luxus und Eleganz entwickelte sich bereits
im 18. Jahrhundert eine neue raffinierte Kultur des Backwerks. Es
waren hauptsächlich leichte Biskuit- oder Mandelgebäcke, die zu den
neumodischen Getränken Kaffee, Tee und Schokolade gereicht wurden.
Und damit sind wir bei einem weiteren Kapitel der Konditorkunst
angelangt, der Schokolade. Bedingt durch die Ereignisse des
Dreißigjährigen Krieges kam die Schokolade erst zu einem Zeitpunkt
nach Deutschland, als sich in Spanien, Italien und Frankreich in den
Boudoirs der besseren Gesellschaft die Damen schon längst an ihre
morgendliche Schokolade gewöhnt hatten. Es ist bezeichnend, dass wir
die erste Spur der Schokolade in unserem Lande auf einer
Apothekertaxe aus dem Jahre 1640 finden. Die Ratsapotheke von
Braunschweig berechnete für Scocculata Indica den horrenden Preis
von ein Pfund = 4 Gulden.
Konditorei und die süße Verführung Schokolade sind inzwischen
unzertrennliche Begriffe geworden. Die Französin Jeanne Bourin
schreibt in ihrem wunderschönen Buch der Schokolade: Zitat „In der
Konditorkunst nimmt die Schokolade einen bedeutenden Platz ein.
Viele geniale Konditoren ...... haben es ihr zu verdanken, dass ihre
Namen der Nachwelt erhalten geblieben sind. Auf ihre Rezepte
gründeten sich Dynastien, wurden Imperien errichtet und Vermögen
angehäuft“. [10] Die Schokoladentorte des Franz Sacher, 1832
Kocheleve beim Fürsten Metternich in Wien, ist ein gutes Beispiel
hierfür. Und doch kam die Essschokolade spät, eigentlich erst in der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, ins Spiel. Denn Schokolade war
bis dahin hauptsächlich ein exklusives Getränk.
Dies änderte sich erst, als es dem Holländer Coenraad Johannes van
Houten im Jahre 1828 gelang, die Kakaobutter durch Abpressen zu
separieren. Mit diesem Verfahren war der Weg frei für zwei neue
Produkte: nämlich dem entölten Kakaopulver, als Grundlage des
modernen Schokoladengetränks und der feinen Essschokolade, wie wir
sie heute so lieben. Den Konditoren aber war ein neues Material für
ihre Kunst geschenkt. Fortan verarbeiteten sie feine
Schokoladenmassen für immer raffiniertere Spezialitäten. Der
Chocolatier - ein Spezialist unter den Konditoren war geboren.
Mit der Essschokolade begann auch der Siegeszug der Praline.
Dessertbonbons, wie man ihre Vorgänger nannte, kannte man schon im
18. Jahrhundert. Zu ihnen zählten hauptsächlich die flüssig
gefüllten Likörbonbons und die zart schmelzenden Fondants. Aber erst
durch die Verwendung der Schokolade und feiner Ingredienzien hat
sich die Praline zu den schönsten und feinsten Produkten der
modernen Konditorei entwickelt.
Beleuchten wir noch einen weiteren Bereich der Konditorenkunst: das
Speiseeis oder Gefrorenes wie es früher genannt wurde. Obwohl die
Geschichte von geeisten Süßspeisen bis weit zurück in die Antike
führt, zählt Speiseeis eher zu den jüngeren Produkten der
Konditorei. Mit dem Untergang des römischen Reiches geriet das
Speiseeis in Europa nämlich für einige Jahrhunderte in Vergessenheit
bis es in Italien wieder „entdeckt“ wurde. Ein Italiener war es
auch, der 1686 in Paris in der Rue des Fosse das Café „Procope“
eröffnete: Francesco Procopio, ein Edelmann aus Palermo. Sein Haus
wurde das erste Literatencafé der Welt. Voltaire, Rousseau,
Beaumarchais und Balzac und viele andere Berühmtheiten gingen dort
ein und aus. Procopio verwöhnte seine Gäste mit Kaffee, Schokolade,
mancherlei Likören, süßen Wein, Zuckerwerk und erstmals mit einem
gefrorenen Dessert, Glace, genannt.
Von Paris aus verbreitete sich die Kenntnis dieser exquisiten
Schleckerei zunächst zu den Fürstenhäusern Europas. In der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts scheint aber Gefrorenes in deutschen
Landen schon weit verbreitet gewesen zu sein. Es gehörte damals zum
Sortiment der neu entstandenen Konditoreicafés und zur "Feinen
Küche" der besseren Gesellschaft. Schon 1773 ist im "Frauenzimmer-Lexicon"
eine Confect-Tafel beschrieben. U.A.: "Die gefrorenen Früchte,
gefrorenen Milche, Gelees und andre dergl. gesülzete Sachen müssen
sehr kurze Zeit vorhero aus den Formen, Modeln und Gefrierbüchsen
herausgenommen werden, wenn sie beym Genusse des Desserts noch ihre
größte Güte haben sollen...." Solche Figuren aus Speiseeis und sog.
Eisbomben wurden von den Konditoren bis zum Zweiten Weltkrieg auf
Bestellung hergestellt, kunstvoll geschminkt, geschmückt und als
sog. „Eisservice“ zu Familienfesten ins Haus geliefert.
Der Konditor verstand es also schon immer, mit seinen schön
gestalteten Produkten die festlichen und großen Stunden des Lebens
zu bereichern und auf diese Weise Lebensfreude zu vermitteln. Dekor
und Form waren dabei stets vom Geschmack der Zeit bestimmt, wobei
allerdings die verschnörkelten Formen des Barock und Rokoko bis ins
20. Jahrhundert hinein dominierten.
Der Kunst begabte Konditormeister Bernhard Lambrecht, der auch
Vorlesungen an der Bauhausschule in Dessau besuchte, brach 1929 in seinem
Erstlingswerk [11] erstmals radikal mit dem alten
„Zuckerbäckerstil“. In seinem 1950 erschienenen späteren Hauptwerk
„Das Gebot der Leckerheit“ verkündet er die konditorlichen
Materialgesetze, als die sind: Materialschönheit, Materialechtheit,
Materialgebundenheit. Er erläutert seine Visionen vom
zweckgebundenen Gestalten, von der „Form“ und von der „Farbe“ im
Konditorhandwerk. Seine Gedanken beeinflussen bis heute die moderne
Konditorkunst, die sich auf dieser Grundlage weiter entwickelt hat
und heute in der Welt ganz oben steht.
Kostproben der heutigen Konditorenkunst will Ihnen unsere
Ausstellung zeigen. Deutsche Spitzenkonditoren haben mit ihren
„Meisterwerken“ den Bogen gespannt von den Anfängen ihres Handwerks
bis heute. Ich danke für ihre Beiträge: Herrn Obermeister Günter
Asemann vom Café Richter in Planegg; den beiden Weltmeistern der
Konditoren Herrn Manfred Bacher von Café Egger in Mühldorf am Inn
und Herrn Bernd Siefert von der gleichnamigen Konditorei in
Michelstadt im Odenwald. Ich danke Frau Elisabeth Arnold –
Schwankhart, Fachlehrerin an der Münchner Meisterschule; Herrn
Konditormeister Karl Eisenrieder in München; Herrn Konrad Hahn,
Fachoberlehrer i. R. an der Münchner Meisterschule; und Herrn
Konditormeister Franz Widmann vom gleichnamigen Café in
München-Großhadern. Die genannten Meister der süßen Kunst beweisen
mit ihren Beiträgen, stellvertretend für ihre Kolleginnen und
Kollegen, dass das deutsche Konditorenhandwerk und damit auch die
Mitglieder der Konditoreninnung München und Oberbayern optimistisch
in die Zukunft sehen können, wenn sie weiterhin auf Qualität und
handwerkliche Spitzenleistung setzen.
Ich danke auch den Leihgebern, die viel zum Gelingen der Ausstellung
beigetragen haben: Frau Krause vom Bayerischen Staatstheater
„Theater am Gärtnerplatz“ in München, der Firma Möbel Mahler in
Wolfratshausen, der Münchner Meisterschule der Konditoren, Frau
Fiebiger von der Nymphenburger Porzellanmanufaktur, Herrn Messer
(und Herrn Konditormeister Weber) vom Schwäbischen Handwerkermuseum
Augsburg, Herrn Konditormeister Bernd Siefert in Michelstadt, Herrn
Konditormeister Albert Ziegler vom Café Luitpold in München und,
last not least, dem Conditorei-Museum Kitzingen.
Ihnen, Frau Ute Hennekes von der Firma Hennekes Marketing möchte ich
sagen, dass mir die Zusammenarbeit mit Ihnen große Freude bereitet
hat. Ihre gelungene Präsentation steht ganz im Einklang mit dem
konditorlichen Gesetz vom schönen und leckeren Gestalten.
Der Konditoren – Innung München – Oberbayern, Herrn Obermeister
Günter Asemann und Herrn Geschäftsführer Alfons Seitz möchte ich
herzlich dafür danken, dass Sie mir das Vertrauen geschenkt haben,
diese Ausstellung zusammen mit Frau Hennekes ausrichten zu dürfen.
Meinen Vortrag schließe ich mit einem passenden Zitat des Johann
Wolfgang von Goethe, der, wie gesagt, ein großer Freund der
Konditoren und ihrer süßen Verführungen gewesen ist:
Zitat „Die Menschheit, merk ich, mag noch so sehr zu ihrem höchsten
Ziele vorschreiten, die Zuckerbäcker rücken immer nach.“
Walter Poganietz
| [1] |
Schrott, Herrscher Bayerns, S. 151 |
| [2] |
Bursche, Tafelzier des Barock S. 101 |
| [3] |
Bursche, Tafelzier des Barock S. 104 |
| [4] |
Hans Sonntag, Jürgen Karpinski Meissener Porzellan Schönheit im
Detail, Leipzig 1998, S. 11 ff |
| [5] |
O. Allmann Geschichte der deutschen Bäcker- und
Konditor-Bewegung Erster Band. Hamburg 1910, S. 251 - 296 |
| [6] |
nach Schlichthörle Gewerbebefugnisse München 1844. Zitiert
bei Allmann S. 252 |
| [7] |
Allmann S. 277 |
| [8] |
Ernst v. Destouche Geschichte der Gewerbe Münchens 1848.
Zitiert bei Allmann S. 276 |
| [9] |
Im 1842 erstmals erschienenen Münchner Adressbuch sind die folgenden
Konditoren zu finden: Falk Schrannenplatz (jetzt Marienplatz), Fink
Theatinerstraße, Gärtner Althamereck, Hettig Schannerstraße, Quante
Mazaristraße, Reiter Kaufingerstraße, Reßler Neuhausergasse,
Rottenhöfer Residenzstraße, Schmid Amalienstraße, Teichlein
Promenadeplatz, Unger, Hofkonditor Kanalstraße, Wagner - Rosental. Zitiert bei
Allmann S. 291 |
| [10] |
Jeanne Bourin, usw. Das Buch der Schokolade Heyne Verlag
München 1996 |
| [11] |
Bernhard Lambrecht Vom neuen Stil in der Konditoreikunst
Wolfenbüttel 1929 |
|