I n h a l t s v e r z e i c h n i s
Festansprache zur Sonderausstellung
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Kleingebäcke „Plätzchen“
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Kleingebäcke
„Plätzchen“
Bärentatzen – Spitzbuben - Vanillekipferl
Bei den Kleingebäcken handelt es sich um Zuckergebäck in vielerlei
Formen und Zusammensetzungen, in der Größe von 2 bis 5 cm. Im
Volksmund nennt man sie „Plätzchen“. Der Name leitet sich vom
lateinischen placenta = Kuchen ab. Im Fränkischen werden heute noch
große runde Blechkuchen „Platz“ (Mundart: Plootz, Plaatz) genannt.
Die Entstehung und Entwicklung dieser Gebäckgattung hängt eng
zusammen mit der Einführung der Statusgetränke Kaffee, Tee und
Schokolade. Die Damen der besseren Gesellschaft genossen diese
ehedem exklusiven Getränke mit vielerlei kleinen Gebäckstückchen. Im
18. Jahrhundert waren dies hauptsächlich leichte Biskuitgebäcke.
Daneben waren gemodelte Bildgebäcke (Springerle) aus Marzipan oder
Eiermarzipan beliebt. Aufgrund des sehr hohen Zuckerpreises konnten
sich aber nur reiche Adels- und Bürgerfamilien solche Gebäcke
leisten. Die Produkte der Konditorei, und damit auch die
Zuckerplätzchen, zählten bis weit in das 19. Jahrhundert hinein zu
den Luxusgütern und waren in ihrer Exklusivität vergleichbar mit
Trüffel und Hummer in unserer Zeit. Dies änderte sich, als in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die massenhafte Gewinnung von
Zucker aus der heimischen Runkelrübe gelang und der Zucker ein
Grundnahrungsmittel wurde. Jetzt konnte sich auch die breite
ökonomische Mittelschicht der Bevölkerung solche Genüsse leisten –
vor allem zu hohen Anlässen. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich das
Weihnachtsfest über die christliche Sinngebung hinaus zum großen
Familienfest am Ende eines Jahres. Zur Krippe kam der
Weihnachtsbaum, der mit vielerlei Zuckerstückchen behängt wurde und
deren Genuss alleine schon viel zur Festtagsfreude beitrug. (In
Bayern soll der mit Kerzen geschmückte Tannen- oder Fichtenbaum von
König Max I im Jahr seiner Thronbesteigung 1806 eingeführt worden
sein). Aus diesen Anfängen heraus hat sich die Tradition der
Weihnachtsplätzchen entwickelt, die sich bis in unsere Zeit erhalten
hat.
Im 19. Jahrhundert verloren die arbeitsintensiven Bildgebäcke an
Bedeutung und wurden weitgehend durch ausgestochene Formgebäcke
ersetzt, die rationell zu produzieren waren. Die weihnachtliche
Hausbäckerei machte den Konditoren und Feinbäckern zunehmend
Konkurrenz. Emilie Kieslinger bringt um 1900 in ihrem Büchlein „180
Preisgekrönte Hauskonditoreirezepte – Anleitung zur Selbstbereitung
von Zuckerbäckereien für die Weihnachtszeit und andere
Familienfeste“. Die Vielzahl der Plätzchensorten wurde bald
unübersehbar. J. Heinrich Kufs, Konditormeister in der Berliner
Schlosskonditorei, beschreibt um 1920 in seinem Fachbuch „Bunte
Schüsseln (Petit fours glacés) und trockenes Teegebäck“ alleine 83
Plätzchensorten, jeweils mit Abbildung. Im Vorwort schreibt er u.a.:
„Die große Auswahl der verschiedenen Sorten Gebäcke macht es
notwendig, die Stücke mit bestimmten Namen zu belegen“ und er bringt
den originellen Vorschlag, hierfür die „bekanntesten Mädchennamen
oder die Namen bedeutender Fachmänner“ herzunehmen. Dies beweist,
dass die meisten Gebäcknamen ohne besonderen Bezug oder Hintergrund
nur aus der Phantasie heraus vergeben wurden.
Die heute bekannten Plätzchen sind fast alle im Laufe der
vorgezeigten Entwicklung entstanden …. und immer neue kommen hinzu,
während andere Sorten wieder in Vergessenheit geraten. Die
Bärentatzen, Spitzbuben und Vanillekipferl zählen heute zu den
typischen Weihnachtsplätzchen.
Bärentatzen
Die Gebäckform (sie gibt es in Holz oder Blech) erinnert an die
muschelförmigen Roncaille-Ornamente des Rokoko und könnte ein
Hinweis auf die Entstehungszeit des Gebäcks sein, wenngleich der
Name in den Rezeptbüchern dieser Zeit nicht zu finden ist. Mit
Schokolade überzogen, ist der Vergleich mit einer zotteligen
Bärentatze tatsächlich nicht zu weit hergeholt. Der bekannte
Fernsehkoch der 60er/70er Jahre, Hans Karl Adam aus Rothenburg /
Tauber, nennt sie in seinem weihnachtlichen Rezeptbüchlein
Bärentätzle oder Schokoladenmuscheln; und er gibt den Rat: „die
Hälfte der fertigen Bärentätzle mit Puderzucker bestreuen, weil es
auch Eisbären gibt.“ Sein Rezept: „4 Eiweiß, 250 g Zucker, Saft von
1 Zitrone, 60 g geriebene Schokolade, 1 Päckchen Vanillinzucker,
250g Mandeln, ungeschält und gemahlen.“ In der „Schweizer
Konditorei“ von Vogt / Mattle sind Rezepte für Bärentatzen ebenso zu
finden wie in Elke Knittel`s liebevoll zusammengestellten Büchlein
„Weihnachtsgebäck – Traditionsrezepte aus Württemberg“. Hans Skrach
stellt in seinem österreichischen Standardwerk „Die Wiener
Konditorei“ (Wien 1932) unter dem Namen „Bärentatzen“ allerdings ein
völlig anderes Gebäck vor: „700 g Plunderteig, 400 g Nussfülle wie
für Beugel. Den Plunderteig 25x30 cm groß ausrollen, daraus zehn
Stücke zu je 5x10 cm schneiden, auf diese die Fülle verteilen, dann
der Länge nach zusammenschlagen und die Seite mit den zwei Enden mit
dem Teigrädchen oder einem Messer auszacken. Hierauf auf ein Blech
und zur Gare setzen. Nach dem Backen mit Kaffeefondant glasieren.“
Spitzbuben
So werden zweiteilige Plätzchen aus Linzer Mürbeteig genannt, deren
unterer Teil mit Johannisbeerkonfitüre oder Hiefenmark (Hagebutten)
bestrichen und dessen oberer Teil meist durchbrochen ist, sodass die
rote Konfitürenfüllung sichtbar wird. Die Form variiert. Man findet
die glatte Rundform genau so wie den gewellten Rand, ebenso die
Stern- und Herzform mit geschlossenem Oberteil. Letztere ist eine
Erfindung der Autorin Elke Knittel. Sie nennt sie „Spitzbübische
Herzen“. Gemeinsam haben sie aber alle die zwei Gebäckteile und die
rote Konfitürenfüllung. Im Württembergischen heißen die
Spitzbuben-Plätzchen auch „Terrassenbrötle“ oder „Rechtsanwaltsbrötle“.
Vanillekipferl
Der Feinschmecker und Kenner aller Tafelfreuden Brillat - Savarin
schwärmt um 1800 in seiner Sammlung „Die Physiologie des
Geschmacks“: „Fügt man dem Kakao das köstliche Aroma der Vanille
hinzu, erhält man das Nonplusultra der Vollkommenheit“. Wie Recht er
hatte! Die Vanille gehört auch heute noch zu den köstlichsten Aromen
in der Konditorei. In Verbindung mit Zucker verleiht sie den
Gebäcken einen unnachahmlichen feinen Geschmack. Vanillekipferln
oder Vanillestangen zählen zu den Klassikern unter den
Weihnachtsplätzchen. Rezepte sind praktisch in allen einschlägigen
Werken zu finden. Der Nuss- bzw. Mandelmürbeteig (Linzer Mürbeteig)
wird ca. 10 mm dick ausgerollt und in Streifen von 3 cm Länge
geschnitten. Diese werden zu Hörnchen geformt und nach dem Backen in
Vanillezucker gewälzt.
Walter Poganietz
10.10.2004
| Literatur: |
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Elke Knittel „Weihnachtsgebäck –
Traditionsrezepte aus Württemberg“, Stuttgart 1997 |
| - |
Hans Karl Adam „Weihnachtliche
Bäckerei“ München 1994 |
| - |
Josef Loderbauer „Das Konditorbuch“
Hamburg 2004 |
| - |
J. Heinrich Kufs „Bunte Schüsseln
und trockenes Teegebäck“, Nordhausen o.J. ca. 1920 |
| - |
Hans Skrach „Die Wiener
Konditorei“, Wien 1932 |
| - |
Ernst Vogt, Jos Mattle „Die
Schweizer Konditorei“ Band II, Thun 1953 |
| - |
Emilie Kieslinger „180
Preisgekrönte HausKonditoreirezepte …“ Reutlingen o.J. ca. 1900 |
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