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Klugheits- und
Verhaltensregeln von 1870
(aus dem Schulheft des Konditor - Lehrlings Michael Schmitt aus
Kitzingen) [1]
Richte Deine Aufmerksamkeit auf Alles, was Dich umgibt und was Dir
jetzt noch neu ist, und nimm durch bescheidene Fragen Belehrungen
über Dir fremde Gegenstände willig an; denn es ist niemand so
gering, von dem man nicht noch etwas erlernen könnte.
Sei in Erfüllung Deiner Pflichten, in Ausführung der Befehle und
Aufträge Deines Lehrherrn und seiner Stellvertreter und überhaupt
eines Jeden, den es Dir zu gehorchen obliegt, willig, pünktlich,
schnell und unverdroßen.
Vertheile, wenn viele Geschäfte auf einmal zusammentreffen, sie klug
und ordnungsgemäßig und notire auf der Stelle, wenn auch nur
flüchtig das, was aufzuzeichnen ist, ehe Du zu etwas Anderen
schreitest; denn die Hoffnung, alles im Gedächtnisse treu
aufzubewahren, ist trüglich und die Veranlassung zu vielen
Unordnungen.
Vor allem aber sei der Vortheil Deines Principals Dein
hauptsächliches Augenmerk. Suche deshalb überall zu sparen und mit
Allem haushälterisch umzugehen, wo es mit Anstand geschehen kann;
denn die Ersparung anscheinend geringer Kleinigkeiten macht in einer
Reihe von Jahren schon bedeutende Summa aus, abgesehen davon und daß
durch diese Gewöhnung ein sparsamer, haushälterischer Sinn für das
ganze Leben erweckt wird.
Gewöhne Dich bei allen Deinen Verrichtungen Besonnenheit und
Umsicht, mit Schnelligkeit und Behutsamkeit zu verbinden.
Hüte Dich ferner vor unzeitigem Scherze und unreifen, faden Witze
und spitzfindigen Spotte, sei im Gegentheil artig und zuvorkommend
gegen Jedermann und wähle Dir zum Umgange Freunde von guten Sitten
und edler Wißbegierde, an die Du Dich in den wenigen Stunden, die
Dir die Berufsgeschäfte frei lassen, zur Vervollkommnung Deiner
wissenschaftlichen Kenntnisse anschließen kannst, wozu die
Mittheilung und Austauschung wechselseitiger Ideen höchst nützlich
ist.
Vermeide durchaus den Umgang mit schlechter Gesellschaft, mit
unsittlichen Personen jeden Geschlechts, die durch Verführungen und
Lockungen des Principals und anderer Personen Eigenthum bei der
Leichtigkeit der Mittel und Wege dazu und nirgends besser als beim
Handelsstand schädigen können.
Vermeide ferner jede Klatscherei und Zänkerei mit dem Gesinde und
sonstigen Hausgenossen, ebenso wie zu enge Freundschaft und gemeine
Verthraulichkeit gegen sie, sondern gehe stets, auch bei vor
kommenden Kränkungen und Verleumdungen, ruhig Deinen Weg gerade aus
und ein so eingerichtetes Benehmen wird Dir die Achtung, die der
Gebildete vor dem Ungebildeten überall hat, auch in Deinen jetzigen
Verhältnissen erzwingen.
So löblich auch für den Kaufmann die wohl angebrachte Sparsamkeit
ist, so muß doch der Geiz ihm ganz fremd sein und trotzdem, daß alle
Geschäfte den Hauptzweck haben, Vermögen zu erbringen, um ein
beständiges Durchkommen zu sichern und mit anständigen Mitteln sich
Anderen nützlich zu machen und bei günstigen Konjunkturen und Gewinn
versprechenden Gelegenheiten das Geschäft zu vergrößern, oder auch
die Nachtheile mißlungener Spekulationen, wie z.B. das Fallen der
Preise von in Massen gekaufter Waaren, die Nichtnachfrage einzelner
großer Waarenartikel weniger fühlbar zu machen und dennoch über so
vieles Handelskapital disponieren zu können, daß dadurch im eigenen
Geschäfte keine Störung veranlaßt wird. So halte den wahren
gebildeten Kaufmann für keinen bloß erbsüchtigen Gelderoberer,
sondern nun für ein edles, gemeinnütziges Glied der menschlichen
Gesellschaft, der seinen Überfluß außer Obigem, zum Heile seiner
ärmeren Mitmenschen verwendet. Daher lasse auch Dein ganzes
Bestreben dahin gerichtet sein, einem solchen Vorbilde nachzukommen,
und das Bewußtsein der allseits treu erfüllten Lebenspflichten wird
Dich beglücken bis in das späteste Alter und Dir den Abschied
erleichtern von diesem irdischen Leben in ein glücklicheres
Jenseits.
Walter Poganietz
[1] E.01.014 |