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Osterfreuden vom
Konditor
Während des letzten Krieges wurden die Kitzinger Kinder aus
Sicherheitsgründen häufig bei den Bauern der umliegenden Dörfer für
eine gewisse Zeit einquartiert, um sie vor den immer möglichen
Bombenangriffen zu schützen. Auch ich verbrachte mehrere Aufenthalte
auf einen Bauernhof in Stadtschwarzach. Noch heute erinnere ich mich
sehr gerne an diese Zeit, denn das Leben auf dem Bauernhof war für
einen Buben vom Kitzinger Marktplatz eine ganz neue Erfahrung. Eine
der interessantesten Tätigkeiten war das tägliche Eiersuchen mit der
Bäuerin und den anderen Kindern. Damals liefen die Hühner noch frei
herum, und sie legten ihre Eier dort hin, wo es ihnen gerade gefiel,
meistens irgendwo ins weiche Heu der Scheune. Es war jedesmal ein
großes Hallo, wenn eines von uns Kindern ein Nest mit ein oder zwei
frisch gelegten Hühnereiern entdeckte. Aus dieser früheren
Notwendigkeit des täglichen Eier - Einsammelns ist wohl der Brauch
des Osternest - Suchens entstanden.
Verglichen mit dem früheren Formenreichtum des essbaren
weihnachtlichen Christbaumschmucks, den Springerle und Lebkuchen,
erscheint aber die Auswahl der österlichen Formgebäcke vom Konditor
eher spärlich. Im Wesentlichen beschränkt sie sich auf Osterlamm,
Hase und Eier. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geht
jedoch die Bedeutung der weihnachtlichen Bildgebäcke permanent und
unwiderruflich zurück. Sie waren aufgrund ihrer aufwendigen
Herstellung zu teuer geworden und haben auch vielfach nicht mehr dem
veränderten Zeitgeschmack entsprochen. Andere, wertvollere Geschenke
sind an ihre Stelle getreten. Beim Osterfest ist es jedoch bis auf
dem heutigen Tag bei den süßen Geschenken geblieben und auch der
alte Brauch des Osternest - Suchens erfreut sich bei den Kindern
immer noch großer Beliebtheit. Die Konditoren haben diese
Entwicklung schon früh erkannt. Schon 1935 ist im März - Heft der in
Basel erschienenen illustrierten Monatszeitschrift „Neue Konditorei“
in einen Aufsatz zu lesen: „Immer mehr verschiebt sich das
Hauptgeschäft des Konditors von Weihnachten auf die Osterzeit. Nicht
wenig trägt dazu der Umstand bei, dass an Ostern die süßen Geschenke
überwiegen, während man an Weihnachten auch noch alles mögliche
andere zu schenken pflegt...“
Im 19. Jahrhundert war offensichtlich das Bisquitlamm der
Hauptartikel in der österlichen Konditorei, weniger der Bisquithase.
Davon zeugen die vielen aus der ehemaligen Konditorei Schmitt in
Kitzingen erhalten gebliebenen zweiteiligen Tonformen in
unterschiedlichen Größen, und die zahlreichen Eintragungen in den
Anschreibbüchern aus dieser Zeit. Die Formen wurden meistens bei
einheimischen Hafner - Betrieben in Auftrag gegeben, und dort in
Handarbeit hergestellt. Um 1880 bezog mein Großvater erstmals
industriell gefertigte Tonformen von der Firma „Güthner Nürnberg“
(siehe Vitrine). Die zweiteiligen Backformen wurden mit einer Schnur
zusammen gebunden, eventuelle Ritzen mit Papierstreifen abgedichtet,
mit dem Kopf nach unten auf dem Standring gestellt, mit der
Teigmasse gefüllt und im Ofen langsam gebacken. Die Bisquitlämmer
wurden anschließend mit Puderzucker bestreut, mit Tragantohren,
Wolle von Schaummasse, einem grünen Kränzchen aus Zuckerguss um den
Kopf, und einem roten Halsband mit Glöckchen und einer Siegesfahne
ausgestattet.
Um die Jahrhundertwende verdrängte der Osterhase zunehmend das
Osterlamm, und der Biskuitteig wurde durch andere Materialien, wie
Schokolade, Fondant, Karamel, usw. ersetzt. Die zeit- und
kostenintensive Eigenherstellung solcher Figuren wurde immer mehr
von industriell gefertigten Produkten abgelöst. Diese Firmen boten
eine unglaubliche Formenvielfalt. Zu Ostern 1902 bezog mein
Großvater z.B. von der Chocoladenfabrik Wucherer in Würzburg
folgende Schokoladefiguren: Bergsteigerhase, Hase mit Korb vor sich,
Hase mit Schubkarren, Hase sitzend, Hase auf Rad, Hase Vorderfüße
auf Korb, Hase ein Ei haltend. Und von der Firma Moser - Roth:
Marzipan - Hasenreiter, Hase mit Schirm. Sehr beliebt waren auch die
gelbfarbigen Fondant - Küken.
Während in den Familien von alters her gekochte Hühnereier gefärbt
und auch bemalt wurden, formte der Konditor Ostereier vor allem aus
Schokolade, Marzipan, Fondant, Gelee und Biskuitteig. Beliebt waren
auch die kleinen bunten Dragee - Pfennig - Eier aus Zuckermasse,
oder die Fondant - Dottereier in Schokolade getaucht. Schokolade -
Hohleier wurden mit Hilfe von Halbschalen aus Blech oder Gips
ausgeformt und zusammengeklebt. Massive Marzipaneier formte man mit
Hilfe eines Marzipanhobels. Hierbei handelt es sich um ein
zweiteiliges hölzernes Gerät. Die Marzipanmasse wurde zu einem gut
fingerdicken Strang ausgerollt. Von diesen wurden gleich große
Stücke abgeschnitten. Diese Marzipanportionen legte man in die ovale
Aussparung zwischen den beiden Teilen des Marzipanhobels und fuhr
mit dem oberen Teil des Gerätes ein paarmal hin und her. Dadurch
formten sich die eingelegten Teigstückchen schnell und einfach zu
Marzipaneiern gleicher Größe. Anschließend wurden die Marzipan -
Roheier noch mit Schokolade überzogen, mit Zuckerguss verziert oder
in Staniolpapier eingewickelt.
Eher für Erwachsene waren die auch heute noch bekannten großen
„Präsent - Eier“ gedacht, deren Schokoladeschalen vom Konditor meist
selbst ausgeformt und mit Pralinen aus Eigenherstellung gefüllt
wurden.
In den Dreißiger Jahren wurden prächtige Ostertorten Mode. „....Es
ist noch nicht sehr viele Jahre her, dass man Ostertorten in
größeren Mengen, in vielseitiger Garnierung herstellt...“schreibt
die Baseler „Neue Konditorei“ in ihrer Märzausgabe 1936. Sehr
beliebt waren sog. Figurentorten in Eiform aus Biskuitteig,
verschiedenartig gefüllt und phantasievoll verziert. Oder Torten mit
österlichen Bildern in Kakaomalerei auf Marzipanschild. Oder
aufwendige „mehrstöckige“ Torten mit vielerlei Verzierungen. Die
alten Fachbücher aus dieser Zeit sind voll von Abbildungen solcher
Meisterwerke der Konditorkunst.
Walter Poganietz |