I n h a l t s v e r z e i c h n i s
Festansprache zur Sonderausstellung
„Meisterwerke der Konditorenkunst“
Kleingebäcke „Plätzchen“
Klugheits- und Verhaltensregeln von 1870
Mispel
Orgeade, Orgead
Osterfreuden vom Konditor
Petits fours
Rote Karamel - Osterhasen
Schwarzwälder Kirschtorte
Vertrag zwischen Martin Weinkamer und Philipp
Groß
Wer die Holzmodel geschnitzt hat...
>>
Download als PDF-Datei
>> zurück zur Homepage
Archiv Backformen
Bäckerei Bildgebäcke Bonbons Breslau Caféhausgeschichte Conditor
Conditorei Conditoreigeschichte Eisbomben Eisfiguren Eisformen
Fachbücher Fondant Franken Früchtekonservierung Gefrorenes Gipsmodel
Handwerksgerätschaften Handwerksgeschichte Holzmodel Kaffee
Kitzingen Knickebein Konditor Konditorei Konditoreigeschichte
Konditoren Krumeich Lebkuchen Lebküchner Lebzelter Marzipan Main
Marzipanmodel Model Museen Museum Poganietz Rezeptbücher Schlesien
Schokolade Schokoladeformen Schwefelformen Springerle Tafelaufsätze
Unterfranken Volkskunde Votivgaben Wachsbilder Wachsbildnerei
Wachsmodel Waffeleisen Zeitschriftenarchiv Zinnformen Zucker
Conditoreimuseum Konditoreimuseum Zuckerbäckermuseum
zuckerbäcker-museum Zuckerbäcker Zuckerbäckerei Walter Poganietz
Conditorei-Museum Kitzingen |
|
|
|
Schwarzwälder
Kirschtorte
Recherche aus unserer Fachbibliothek (chronologisch geordnet)
J.M. Erich Weber, 250 Konditorei - Spezialitäten und wie sie
entstehen
(Dresden 1934)
Im Vorwort des Buches beklagt der Autor, „daß viele der feinsten
Spezialitäten im Konditoreigewerbe nur in den führenden Firmen der
Großstädte hergestellt werden, dagegen der größeren Zahl von
Konditoren leider unbekannt sind.“ Mit diesem Buch wolle er Abhilfe
schaffen und stellt „eine Reihe der auserlesensten Spezialitäten“
vor, die offenbar noch wenig bekannt waren. Hierzu rechnet er auch
die „Schwarzwälder Kirschtorte“. Es ist die erste Erwähnung dieser
Spezialität in der uns vorliegenden Fachliteratur. Die Weber`schen
Fachbücher zählten zu den Klassikern bei den Konditoreibüchern der
damaligen Zeit.
Eine ganze Seite (58) dieses großvolumigen Bandes ist der
Herstellung der „Schwarzwälder Kirschtorte“ gewidmet. Anhand von
drei Abbildungen wird der Herstellungsvorgang anschaulich gezeigt.
An anderer Stelle des Buches (Seite 248) wird ein „Schwarzwälder
Kirschbecher“ ganzseitig vorgestellt. Es handelt sich um einen
Vanille - Eis - Becher mit Sahne und Hippenröllchen.
J.M. Erich Weber, Webers bildlicher Fachunterricht zu
Höchstleistungen in der modernen Konditorei
(Dresden 1936)
Das Buch enthält drei „Schwarzwälder Tortenspezialitäten“, jeweils
bebildert und ganzseitig dargestellt:
„Schwarzwälder Kirsch - Schaumtorte“ (Seite 143)
„Schwarzwälder Kirschcremetorte“ (Seite 150)
„Schwarzwälder Kirschcremetorte eingeteilt“ (Seite 151)
Eine Schwarzwälder Kirschsahnetorte ist nicht beschrieben.
„Neue Konditorei“ Illustrierte Monatsschrift, Heft 4, 5. Jahrgang
(Coba Verlag Basel, April 1936)
In diesem Schweizer Fachblatt werden verschiedene Aufschnitt -
Torten vorgestellt. U.a. auch eine „Schwarzwälder Kirschsahne -
Torte“ mit Rezept und Abbildung. „Rezept und Ausführung von Berthold
Ohlmann“ (Seite 73).
6. Kunstbeilage 1937 der Allgemeinen Deutschen Konditorzeitung
München
Rezept und Abbildung von „Schwarzwälder“, kleine Törtchen aus
Mürbeteig und Buttercreme, gehackten Kompottkirschen usw. (Seite
45).
Adolf Heckmann, Der junge Konditor
(Gießen 1949)
Dieses Buch des bekannten Fachbuch - Autors Adolf Heckmann
enthält eine Rangliste der „bekanntesten Torten“. In der Liste
rangiert die „Schwarzwälder Kirschtorte“ auf Rang 13 (von 15). Die
bekanntesten Torten waren demnach 1. Biskuittorte, 2. Mandeltorte,
3. Haselnusstorte.
„Konditorei & Café“ Fachzeitschrift für den fortschrittlichen
Konditor
(Stuttgart 1949 Heft 17, S. 480/481 ff)
Ausführliche bebilderte Beschreibung. Mehrere Rezepten, u.a.
auch Schwarzwälder Kirschtorte als „Kuppeltorte“!
„Eine Torte, die fast in jedem Geschäft angetroffen wird, ist die
„Schwarzwälder Kirschtorte“. Daraus erklärt sich auch die
verschiedenartige Zusammensetzung. ...“
„Richmont - Fachblatt“, Luzern /Schweiz
Abdruck aus „Die Konditorei“ Fachzeitschrift
(Mönchengladbach 1950 Heft 6, S. 132/133)
Wir haben immer wieder die Feststellung gemacht, daß die
„Schwarzwäldertorte“ noch nicht überall bekannt ist und daß diese
auch teilweise nicht richtig hergestellt wird. Wir haben uns darum
vorbehalten, die Herstellung dieser feinen Desserttorte
bekannzugeben. In allererster Linie muß darauf hingewiesen werden,
daß es nebst der „Schwarzwäldertorte“ auch noch eine
„Schwarzwaldtorte“ gibt. Trotzdem die Wörter fast gleich klingen,
zeigen die Erzeugnisse doch wesentliche Unterschiede.
Die „Schwarzwaldtorte“ ist eine Spezialtorte, die aus dem
Schwarzwalde stammt und meistens aus Biskuitmasse besteht und Nüsse
und Weichselkirschen in ihrer Komposition aufweist. Verschiedentlich
wird sie auch mit Rahm gefüllt und garniert. Die Bezeichnung der
Gegend, aus der diese Torte stammt, gibt dem Produkt den Namen.
Ganz anders verhält es sich bei der „Schwarzwäldertorte“. Trotzdem
der Fachmann, der als erster diese feine Torte herstellte, nicht
mehr ermittelt werden kann, darf man mit ziemlicher Sicherheit
annehmen, daß es sich hier um ein Schweizerprodukt handelt. Schon
die Komposition als solche weist in typischer Art auf die
Geschmacksrichtung des Schweizers hin, und auch die Rohstoffe (Rahm,
Schokolade, Japonaismasse), die zur Herstellung dieses feinen
Desserts Verwendung finden, deuten ebenfalls auf unser Land. Die
Bezeichnung „Schwarzwäldertorte“ wurde deshalb gewählt, weil das
Aussehen dieser Torte an einen schwarzen Wald erinnern soll..“
Es folgt eine ausführliche Beschreibung der Herstellung. [1]
„Das Gelbe Heft“ Schweizer Familienzeitschrift, Aufsatz von Georg
Ubenauf
Abdruck in „Konditorei & Café“ Fachzeitschrift für den
fortschrittlichen Konditor
(Stuttgart 1982 Heft 11, S.344-351 ff)
Kreiert wurde die heute weltbekannte Torte -oder doch wenigstens
eine Vorläuferin davon - in Bad Godesberg, im damaligen
Prominentencafé Agner. Und der Mann, der sie damals schuf, lebte bis
vor kurzem nahe der Schweizer Grenze, in Radolfzell am Bodensee:
Josef Keller, der im
Frühjahr 1981 im Alter von 94 Jahren gestorben ist.
„Mein Vater hat erstmals eine Art Schwarzwälder Kirschtorte
hergestellt“, bwestätigt Josef Kellers Sohn. „1915 arbeitete er vor
seiner Meisterprüfung eine zeitlang bei Agner in Bad Godesberg. Dort
wurde Schlagsahne mit Kirschen serviert. Und irgendwann ist mein
Vater darauf gekommen, einen Boden darunter zu backen und die Sahne
mit Kirschwasser zu aromatisieren“. Hauptanlaß für die
Kirschen-Sahne-Komposition des Josef Keller waren die Studenten aus
dem nahen Bonn, die stets in großer Zahl und immer überraschend im
Café Agner „einfielen“ und dann schnell große Mengen süßer Sachen
verlangten.
Das Cafe Agner, einstmals an der Ecke Bahnhof- und Moltkestraße
gelegen, exisitiert seit über 12 Jahren nicht mehr. Es gibt auch
sonst keine weiteren Spuren von der ersten Schwarzwälder Kirschtorte
im heute zu Bonn gehörenden Badeort Godesberg. In Radolfzell aber
führte Josef Keller, nachdem er 1919 seine Meisterprüfung abgelegt
hatte, die Tradition der Kirschen mit Sahne auf Mürbteigboden fort.
„Vor allem dann, wenn ein plötzlicher Ansturm von Besuchern am See
nach einer Leckerei verlangte, war dies - wie damals bei den
Studenten in Bad Godesberg - genau das Richtige“, berichtete
Keller-Sohn Karl von den Erzählungen seines Vaters.
Und immer ausgereifter wurde die Kreation. Heute wird von der
„Original Schwarzwälder Kirschtorte“, wie sie von der Familie Keller
immer noch im Café Keller an der Teginger Straße im Zentrum von
Radolfzell angeboten wird, pro Woche rund ein Dutzend verkauft.“
Soweit im Kern der Bericht der Zeitschrift „Das Gelbe Heft“. In den
Jahren 1927/28 hat Josef Keller erstmals aufgezeichnet, wie er seine
„Schwarzwälder Kirschtorte“ komponierte. Nach diesen Angaben und den
Erläuterungen seines inzwischen auch schon 65jährigen Sohnes hat die
Redaktion der Zeitschrift in der Schweiz eine Zeichnung anfertigen
lassen. Kurz vor seinem Tod hat Josef Keller seinem Sohn nochmals
ausdrücklich bestätigt, daß er Anspruch darauf erhebt, als erster
die Mischung Sahne-Kirschen-Kirschwasser und Mürbteigboden
hergestellt zu haben. Er war es auch, der erstmals das Kirschwasser
in die Sahne mischte. Noch heute schreibt die Bundesfachschule für
das Konditorenhandwerk in Wolfenbüttel vor, daß „mindestens sechs
Prozent der verarbeiteten Sahnemenge Kirschwasser sein müssen“...
[2]
Stadtarchiv/-museum Radolfzell am Bodensee
Aus dem Schreiben vom 20.09.99 an das Conditorei-Museum Kitzingen am
Main
„... Leider wurde erst nach Kellers Tod das Thema richtig
aufgegriffen, und der Beitrag von Ubenauf ist Grundlage für alles
danach zur Schwarzwälder Kirschtorte Geschriebene.
In Kellers Biographie tut sich eine für uns empfindliche Lücke auf.
Zwischen September 1914 und Juli 1919 ließ sich von der Angabe
abgesehen, daß auch er „im Felde“ war, kein Standort ermitteln. Die
Kollegen im Stadtarchiv Bonn konnten zwar für die Zeit um 1915 einen
katholischen Conditorlehrling Josef Keller nachweisen. Aufgrund von
Geburtsort und -datum ist jedoch ersichtlich, daß es sich nicht um
„unseren“ Keller handelt. Zudem war dieser Josef Keller in Bad
Godesberg auch in einem anderen Café tätig. Da uns also trotz
intensiven Bemühens ein Nachweis über Kellers Anwesenheit in Bad
Godesberg fehlt, und selbst die Nachkommen bisher nichts beibringen
konnten, ist unser Ausstellungsprojekt an einer wesentliche Stelle
zur Zeit zum Stillstand gekommen...“
Resümee
-
Die Schwarzwälder Kirschtorte lässt sich in
der dem Conditorei Museum vorliegenden Fachliteratur seit 1934
nachweisen.
-
Die Spezialität war bis zum Zweiten Weltkrieg
überregional kaum bekannt. 1949 rangierte sie unter den 15
bekanntesten Torten in Deutschland lediglich auf Platz 13. Heute
zählt sie zu den umsatzstärksten und beliebtesten Produkten der
deutschen Konditorei.
-
Der Radolfzeller Konditor Josef Keller nimmt
für sich in Anspruch, die Torte erstmals 1915 hergestellt zu
haben, was sich aber nicht zweifelsfrei nachweisen lässt. Auch
für seine damalige Anwesenheit in Bad Godesberg gibt es keine
Beweise, wie jüngste Nachforschungen ergeben haben.
-
Die Behauptung des „Richmont - Fachblatt“,
Luzern /Schweiz aus dem Jahre 1950, die Schwarzwälder
Kirschtorte sei eine schweizerische Erfindung, ist recht dürftig
begründet und kann höchstens als Vermutung gelten.
Im Standardwerk der Schweizer Konditorei „Die Schweizer
Konditorei“ (Vogt, Mattle) Thun 1953 wird allerdings eine
„Schwarzwälder Torte“ beschrieben. Diese Spezialität hat einen
mit Kuvertüre bestrichenen untersten Boden, Sahneschichten, aber
keine Kirschen / Kirschwasser. Die Torte wird mit dünnen
Kuvertüreblättchen dekoriert. Die Bezeichnung „Schwarzwälder“
scheint tatsächlich mit der dunklen Schokolade im Zusammenhang
zu stehen, da ja Kirschen und Kirschwasser völlig fehlen.
-
Es ist nicht auszuschließen, dass es sich bei
der „Schwarzwälder Kirschtorte“ um eine Weiterentwicklung der
Schweizer „Schwarzwälder Torte“ handelt.
Walter Poganietz
| [1] |
Siehe auch „Die Konditorei“ Jahrgang
1951, Heft 22, Seite 417 |
| [2] |
„Konditorei und Café“ Jg. 1990/Heft 37/Seite
1913 „75 Jahre Schwarzwälder Kirschtorte“ |
|